• Wann ist genug gelernt?

    «Genug gelernt? Eigentlich nie...» In den letzten Wochen ist mir diese Aussage mehrmals begegnet. Eine Medizinstudentin lernt Wochen vor der Prüfung pausenlos, hat aber dennoch nie das Gefühl, genug zu lernen. Ein sechzehnjähriger Schüler lernt täglich bis weit nach Mitternacht, getrieben vom Gedanken «noch nicht genug». Eine vierzehnjährige Schülerin lernt zwar regelmässig, erlebt aber nie ein Gefühl von ... ja, Genugtuung! Ein Gefühl, zu genügen oder schlicht genügend getan zu haben. Eine Form von Zufriedenheit mit dem Erreichten.

    «Genug» ist subjektiv.

    Natürlich kann der Gedanke, nicht genug gelernt zu haben, duchaus der Wahrheit entsprechen. Wer gar nicht lernt, geht ein Risiko ein, in der Prüfung nicht genügend vorbereitet zu sein. Oder wer falsch lernt, weiss das Wichtige vielleicht nicht. «Genug» ist also auch abhängig von den eigenen (Noten)Erwartungen, von den Rahmenbedingungen der Schule oder von der zur Verfügung stehenden Zeit. Manchmal führen sehr ehrgeizige eigene oder fremde Ziele- egal, ob sie nur stillschweigend vorausgesetzt oder tatsächlich geäussert wurden - zu einem Gefühl von Ungenügen.

    Im Lerncoaching wird deshalb natürlich geprüft, ob es einen objektiven Grund für die Annahme gibt, es sei nicht genügend - oder vielleicht nicht genügend gut - gelernt worden.

    Manchmal entspricht die Idee «ich habe nicht genug gelernt» aber einfach nicht der Wahrheit. Am Fall von Mia, der eingangs erwähnten vierzehnjährigen Schülerin, wurde mir das vor kurzem sehr klar.

    Wann ist genug?

    Mia ist eigentlich ganz zufrieden mit ihrem Lernen und den Ergebnissen. Die Noten, die sie erzielt, sind für sie akzeptabel. Sie setzt sich dort, wo sie stark ist, herausfordernde Ziele. Mit einer oder sogar zwei Tiefnoten kann und will sie leben - setzt sich aber auch da eine Grenze nach unten. Tiefer als 3.5 will sie in ihrem «Hassfach» nicht fallen. Fazit: Sie hat realistische und ganz vernünftige Erwartungen an ihre eigene schulische Leistung und kann diese in der Regel erfüllen.

    Einzig etwas stört sie: Immer, wenn sie sich ans Lernen setzt oder auch vor Prüfungen plagt sie eine unangenehme Unsicherheit. Eine Stimme in ihrem Kopf fragt penetrant: «Hast du genug gelernt?» oder behauptet gar störrisch: «Du hast wieder nicht genug gelernt.»

    «eigentlich müsste ich...» wird zum Mantra im Kopf

    Wie wir miteinander nach möglichen Ursachen für diese nagende Stimme forschen, zeigt sich, dass Mia eine ungünstige Angewohnheit hat, die dieses Gefühl der Unsicherheit vielleicht nährt. Sie nimmt sich sehr oft vor zu lernen, beispielsweise direkt nach dem Nachhause-Kommen, jeden Abend nach dem Abendessen oder direkt nach dem Aufstehen am Wochenende. Fast ebenso oft schiebt sie das Lernen dann aber spontan zugunsten anderer Dinge auf. Das offene, kreative und fröhliche Mädchen lässt sich gerne von Lust und Laune treiben - was eigentlich eine gesunde Reaktion auf den sehr dichten Stundenplan an ihrer Schule ist. Sie will und soll ja auch Spass haben, sich mit Freunden treffen, lachen, spielen, reden…

    Ideal wäre, wenn sie diese Zeit sorglos geniessen könnte. Während sie diesen angenehmen Tätigkeiten nachgeht, mahnt in ihrem Hinterkopf aber ständig diese schulmeisterliche Stimme: «Du hast wieder nichts getan...!» Manchmal sagt sie auch: «Du solltest doch lernen.»

    Obwohl Mia das Lernen nur aufschiebt und fast nie ganz auslässt, zählt für sie eigentlich nur, was sie nicht tut: «Wieder nicht gelernt.» Es ist daher nicht erstaunlich, dass sie Lernen fast automatisch mit einem Gefühl von «nicht genug» verknüpft.

    Eigene Lösung finden

    Aus meiner Erfahrung bringt es nichts, jemandem wie Mia zu raten, immer zur exakt gleichen Tageszeit zu lernen, um das Lernen nicht verschieben zu müssen. Was für ewachsende Lernende möglicherweise eine Lösung wäre - nämlich die unliebsamen Dinge immer um die gleiche Tageszeit oder nach dem Nachhausekommen erledigen, um danach unbeschwert Freizeit zu geniessen - ist bei Mia gar nicht so einfach. Einerseits schon deshalb, weil ihre Tage gar nicht immer gleich sind. Einmal ist die Schule um zwölf Uhr fertig, an anderen Tagen erst um fünf Uhr. Manchmal scheint die Sonne, wenn sie nach Hause kommt, dann sind in ihrer Wohnsiedlung viele Kinder draussen und sie möchte dabei sein. An Regentagen fällt es ihr dagegen leicht, zuhause zu bleiben und zu lernen. Manchmal sind ihre Eltern daheim (was es ihr erleichtert, zu arbeiten), manchmal ist sie ganz alleine und die Verlockungen (Internet, Video) sind gross. Manchmal ist sie nach der Schule sehr müde - an anderen Tagen hat sie sehr viel Energie.

    Umlernen: Gut genug!

     Gemeinsam überlegen wir, wie sie einerseits wieder ganz unbeschwert Freizeit geniessen kann, andererseits aber auch genug lernt. Zur Erinnerung: «Genug» heisst in Mias Fall: weiterhin akzeptable Noten erzielen und ein realistisches Gefühl von «gut genug» entwickeln. Es kommt ein ganzer Strauss von Lösungen zusammen:

    • Der Pause gegenüber eine andere Haltung einnehmen: Pausen sind wichtig und helfen dem Lernen. Wenn Mia Pause macht oder mit anderen draussen ist, will sie der mahnenden inneren Stimme entgegensetzen: «Erst das Vergnügen, dann die Arbeit!»

    • Den Beginn des Lernens später ansetzen: Dann, wenn alle anderen auch zu Hause sind, nach dem Abendessen.

    • Schneller anfangen, um danach unbeschwerte Freizeit geniessen zu können. Dafür schreibt sie 10 Gründe auf, um sofort anzufangen (Blatt 10 Gründe) - die hängt sie sich über den Schreibtisch zur Erinnerung.

    • Mia erstellt und arbeitet gerne mit Aufgaben-Listen. Sie überlegt, ob sie direkt nach dem Nachhausekommen eine Liste macht mit allem, was sie an diesem Tag noch zu tun hat. Ein paar Dinge darauf könnte sie sofort erledigen, um ein gutes Gefühl zu bekommen («die Hälfte schon gemacht» oder «schon ordentlich was erledigt») und sich dann eine Pause gönnen. Nach dem Abendessen will sie dann die restlichen Aufgaben der Liste erledigen.

    • Gemeinsam finden wir eine Möglichkeit, das Erledigte für Mia sichtbar zu machen: Für jede noch so kleine Aufgabe, die sie erledigt hat, steckt sie einen kleinen Glasstein in ein Marmeladenglas. Das soll ihr vor Augen führen, dass sie tatsächlich viel macht. Wenn die Stimme wieder mahnt «nicht genug gelernt...» kann antworten: «Oh doch! Im Glas hat es schon so viele Kugeln - so viel habe ich schon getan!»

    Der gemeinsame Sinn all dieser Aktivitäten ist: dem (sehr häufigen) nagenden Vorwurf «wieder nicht genug gelernt» immer öfter ein zufriedendes «genug gelernt!» entgegenzusetzen.

    Ich bin sehr gespannt, ob Mia etwas davon ausprobiert - und mit welchem Erfolg.