• Nachdenken - eine unterschätzte Lernstrategie

    Wir lernen und lernen, bis wir vor lauter Lernen das Lernen aus den Augen verlieren... Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain benannte das treffend so: "Sobald wir das Ziel aus den Augen verloren hatten, verdoppelten wir die Anstrengungen." Wenn wir eine volle Agenda haben, hinter Terminen herhetzen und Aufgabenlisten abarbeiten, neigen wir dazu, das zu tun, was wir immer tun. Ohne darüber nachzudenken, ob es eigentlich auch das Richtige ist, was wir da tun. Auch beim Lernen.

    "Wie lernst Du - und warum lernst du gerade so?" ist deshalb eine meiner Standardfragen, die ich meinen Klienten stelle. Eigentlich klingt die Frage furchtbar banal - doch meistens hat sie aber eine erstaunliche Wirkung. Für viele ist es das erste Mal, dass sie in Ruhe darüber nachdenken, wie sie eigentlich lernen.

    "Weiss nicht - habe ich mir noch nie überlegt" ist die Antwort, die ich am häufigsten höre. Eigentlich nicht überraschend, denn Lerngewohnheiten bilden sich ganz langsam über die Jahre - oder sie werden sogar von Generation zu Generation weitergereicht: ungünstige Strategien etwa, wie die berüchtigte «Lernorgie» am Abend vor der Prüfung, oder das monotone «Büffeln»... Es war halt immer so.

    «Warum mache ich das eigentlich so?»

    Sich auf diese Frage einzulassen, ist eine Art Mini-Auszeit vom (Lern)Alltag, eine persönliche Kurz-Klausur, um die eigene Strategie zu überdenken. Wir treten dabei in Gedanken einen Schritt zurück und gewinnen wohltuende Distanz, die es uns erlaubt, wieder einmal das Grosse Ganze in den Blick zu nehmen, statt ständig an den Details zu kleben.

    So eine private, kleine «Lern-Denkpause» lässt sich gut zuhause durchführen - allein als Lernende(r) oder als gemeinsame Denkpause in der Familie. Es gibt dabei unterschiedliche Vorgehensweisen - je nach Lust, Zeitbudget und Interesse:

    • Wenn Sie wenig Zeit haben, können Sie sich als zuerst einfach einmal von ein, zwei Fragen leiten lassen, wie: «Wie fühlt sich mein Lernen eigentlich an? Lerne ich auf angenehme Art und Weise, oder ist mein Lernen ständig von Druck und Belastung begleitet? Was brauche ich, um entspannt(er) zu sein dabei? Wann hatte ich zuletzt richtig Spass beim Lernen? Wer oder was könnte mir helfen, wieder mehr Freude dabei zu haben?» Das braucht nicht viel Zeit - eine halbe Stunde kann genügen.

    • Wer mehr machen möchte, führt von Vorteil ein Lerntagebuch und vereinbart mit sich selbst feste, kurze «Reflexions-Stunden», beispielsweise an einem ruhigen freien Abend. Hier können die Fragen lauten: «Was ist mir gelungen in der letzten Woche? Wovon könnte ich mehr machen, was sollte ich lieber lassen?» (Über den Nutzen von Lerntagebüchern habe ich hier bereits ausführlich geschrieben).

    • In der Arbeit mit Kindern und jugendlichen Lernern benutze ich manchmal dieses Übungsblatt, das den Einstieg ins Thema erleichtert: Wie lerne ich?

    • Natürlich gibt es auch jede Menge Literatur zum Thema, falls Sie sich etwas mehr vertiefen oder sich während einer längeren Zeit begleiten lassen wollen. Gerne verrate ich Ihnen meine gegenwärtigen Favoriten: «111 starke Lerntipps» von Wolfang Endres (clevere Lerntipps und Ideen für Kinder und Jugendliche); «Effektiver Lernen für Dummies» von Birgit Ebbert (eine Art Nachschlagewerk für erwachsene Lerner mit vielen praktischen Tipps und guten Erklärungen auch zu Themen wie Konzentration, Prüfungsangst oder Prüfungsvorbereitung) oder auch «Exploratives Lernen» von Verena Steiner (gut für Lernende, die sich ins Thema vertiefen und ihre Lernstrategien selbständig und nachhaltig verbessern möchten).