• Was «Fast Food» und Büffeln gemeinsam haben

    Ich habe vor kurzem nicht schlecht gestaunt, als ich entdeckte, dass die «Slow»-Bewegung offenbar die Erziehung erreicht hat. «Slow Food» dürfte hinlänglich bekannt sein - diese inzwischen globale Bewegung für genussvolles, regional produziertes, gesundes Essen.

    «Qualität kann nicht 'fast' sein!»

    Vor fast zwanzig Jahren hatte ich als Journalistin einmal die Gelegenheit, mit Carlo Petrini, dem Gründer von «Slow Food» ein kurzes Interview zu führen. Wer ums Himmelswillen denn Zeit hätte, sich für jedes Essen stundenlang an den Kochherd zu stellen, wollte ich von ihm wissen, denn ich fragte mich ernsthaft, ob er eigentlich wusste, dass immer mehr Frauen berufstätig sind und nach einem langen Arbeitstag kaum mehr Lust oder Energie hatten, aufwendige Gerichte zu fabrizieren. Als junge Mutter, die nicht übermässig gerne kochte, sah ich vor allem die Anstrengung. Seine Antwort - wie ich sie in Erinnerung habe - lautete: «Es ist nicht die Zeit, die wir ins Essen stecken, um es 'slow' zu machen  - schliesslich gibt es ganz einfache Sachen wie Salate, Suppen oder Brot und Käse. Das Wesentliche ist die entschiedene Hinwendung zu Qualität in Produktion und Genuss - und Qualität kann einfach nicht 'fast' sein.» Das hat mir zu denken gegeben.

    Das «Slow»-Prinzip erreicht die Bildung

    Und jetzt also  «Slow Education» - eine Bewegung gegen die «Fast»-Mentalität in der Erziehung oder im Lernen. Den einen mag es dabei darum gehen, die «Slow Food»-Prinzipien in die Schulverpflegung zu bringen. Für die meisten bedeutet «slow» in der Erziehung aber viel mehr: Das Bewusstsein dafür, wie und was eigentlich gelernt wird.

    Mit «Fast Food» bezeichnen wir ein standardisiertes, billiges Nahrungsmittel. In der Regel fragen seine Konsumenten nicht nach, wie und unter welchen Umständen es produziert wurde - Hauptsache, schnell verfügbar und billig. «Fast Learning» ist entsprechend ein Prozess, der sich hauptsächlich auf das Endprodukt konzentriert - in diesem Fall die Prüfungsnote. Egal, wie sie zustande kommt: Hauptsache, rasch verfügbar und hoch.

    Zum Besseren verführen

    Wir könnten jetzt mit dem Finger auf einzelne Akteure zeigen und behaupten, sie seien Schuld am ungesunden «Fast Food» oder am ebenso ungesunden «Fast Learning». Die «Slow Food»-Bewegung ging und geht einen weitaus interessanteren Weg: Sie verführt ganz einfach zum Besseren! In Workshops werden beispielsweise Kinder mit Dutzenden verschiedener Apfelsorten bekannt gemacht, es wird ihnen gezeigt, wie unterschiedlich diese Äpfel riechen und schmecken, wo und wie sie wachsen und welche leckeren Sachen aus ihnen hergestellt werden können. Wer sich mit diesem Prinzip befasst, wer «slow food»-Produkte kennen- und geniessen lernt, wird sich nicht mehr anders ernähren wollen.

    Meine Hoffnung ist es, dass sich auch Schweizer Schulen vom «slow»-Virus anstecken lassen - ob sie es nun so oder anders nennen - und immer mehr Lernenden zeigen, Lernen eigentlich ist: die Lust am Entdecken, Erfahren, Erproben, Erkennen... Und nicht so sehr das Wissen, wie man in allen Fächern Bestnoten erreicht. Bis es soweit ist, freue ich mich, wenn ich Lernende zum «Besseren» verführen kann: zu mehr Abwechslung, Spiel und sogar Spass im Lernen. (Unter anderem im gleichnamigen Workshop...!)

    «Fast Food» im Lernalltag

    Viele der Jugendlichen und erwachsenen Lernenden, die zu mir in die Lernpraxis kommen, halten sich, was das Lernen betrifft, vorwiegend mit «Fast Food» über Wasser: sie prügeln Schulstoff ins Hirn. Nährwert, Nachhaltigkeit und Genuss solchen Büffelns sind gering. Reinziehen, rauswürgen - möglichst schnell.

    Viele klagen entsprechend darüber, dass sich Prüfung an Prüfung reiht, Lernstoff auf Lernstoff türmt, kaum unterscheidbar. Alles, womit sie sich beschäftigen, sieht gleich aus - entsprechend ist alles gleich dringend, gleich wichtig, aber paradoxerweise für sie auch gleich bedeutungslos.

    Wenn ich sie frage, wann und wo Lernen ihnen Spass macht oder sie es überhaupt auch mal geniessen können, schauen sie mich meist verständnislos an. Ganz so, als hätte ich gefragt, welche geschmacklichen Höhenflüge in den täglichen Chicken Nuggets zu finden sind.

    Natürlich täte ich der «Slow Education»-Bewegung unrecht, wenn ich behaupten würde, ihre Philosophie liesse sich auf zwei, drei Punkte reduzieren. Dennoch erlaube ich mir, mein eigenes Rezept für «Slow Learning» aufzuschreiben. Es ist ein 3-Schritte-Programm und sieht so aus:

    Schritt 1: Bewusst «langsam» wählen.

    Wann greifen wir eigentlich zu «Fast Food»? Am ehesten dann, wenn wir gehetzt sind, keine Zeit zum ordentlichen Mittagessen haben - oder aber wenn wir uns überhaupt noch nie Gedanken darüber gemacht haben, was diese Art der Ernährung bedeutet. Welche gesundheitlichen Langzeitfolgen uns blühen, wenn wir regelmässig so viel Fett und so viele leere Kalorien in uns hineinstopfen. Oder welche Auswirkungen diese industriell produzierten Nahrungsmittel auf die Umwelt haben.

    Ähnlich gilt fürs Lernen: Wenn uns komplett egal ist, was wir da reinziehen oder wenn wir atemlos vom einen zum nächsten hetzen - dann kann Lernen einfach nicht gelingen. Mechanisch Aufgabenlisten abhaken - das ist nicht lernen.

    Aufnehmen braucht Zeit. Wenn ich etwas Neues lerne, muss ich ein paar Augenblicke innehalten und meinem Arbeitsspeicher die Möglichkeit geben, die Information zu erfassen. Zum Beispiel Voki-Lernen: Es hilft mir nichts, die Wörtli fünf, zehn oder fünfzehnmal mechanisch an meinen Augen vorbeizuziehen. Besser: ich gönne jedem einzelnen Wort ein paar Augenblicke und frage mich, wie ich es mir besser merken kann. Kann ich es irgendwo anknüpfen? Kenne ich einen markanten Satz, in dem dieses Wort vorkommt, und der mir eher bleibt als das Wort alleine? Klingt das Wort lustig, erinnert es mich an ein anderes Wort? Sieht es eigenartig aus? Reimt es sich mit einem anderen Wort? Kann ich es durch eine kleine Zeichnung anreichern?

    Lernen geht nicht gehetzt. «Slow Learning» bedeutet für mich, Geschwindigkeit herausnehmen und mich darauf zu konzentrieren, was ich eigentlich vor mir habe. Und mich überraschen lassen, was sich alles damit anstellen lässt. Anders gesagt: Ich will keinen standardisierten, immer gleich aussehenden Hotdog herstellen, sondern ich achte darauf, dass meine Wurst erstklassig und mein Brot vollwertig ist. Wer weiss, vielleicht will ich ja am Ende doch einen Hotdog draus machen - das wird dann aber mein ganz spezieller Hotdog!

    Schritt 2: Ein gutes Rezept benutzen

    Nehmen wir einmal an, ich möchte etwas Neues, ganz besonders Leckeres kochen, was ich noch nie gekocht habe. Wenn ich nicht gerade eine Küchengöttin bin, die meisterhaft Zutaten und Zubereitungsarten miteinander kombiniert, tue ich gut daran, ein Rezept zu benutzen. Die Gefahr ist ansonsten gross, dass meine Kreation nicht ganz so überzeugend gerät, wie ich es mir wünsche. Dinge verbrennen schnell, werden bitter oder verlieren bei unsachgemässer Behandlung ihren Geschmack...

    Mir scheint, die schwierigste Begleiterscheinung unserer hektischen, von Reizen und Informationen überfluteten Zeit ist die Tatsache, dass wir mehr reagieren und tendenziell weniger darüber nachdenken, was wir überhaupt tun. Immer schneller arbeiten wir die To-Do-Listen ab - oder glauben zumindest, alles abarbeiten zu müssen. «Fast Learning» oder auch «fast working» resultiert...

    «Wenn ich acht Stunden Zeit hätte, einen Baum zu fällen, würde ich sechs Stunden die Axt schleifen.» (Abraham Lincoln)

    In meiner Lernpraxis beobachte ich, dass oft unverhältnismässig viel Zeit darauf verwendet wird, Zusammenfassungen zu schreiben oder ganze Dossiers von A bis Z abzuarbeiten - getrieben vom (meist illusorischen) Wunsch, ja nichts Wichtiges auszulassen. Ironischerweise bleibt für das Wichtigste jedoch kaum Zeit: Selbst denken und üben.

    Wer in den Sprachen, in Mathe, Physik, Chemie, Wirtschaft etc. nur liest und Zusammenfassungen schreibt, kann zwar nachvollziehen, was da im Unterricht Neues gelernt wurde. Noch wichtiger wäre jedoch, zu zeigen, dass man es anwenden kann. Dafür gibt es Übungen - und in diese sollte die meiste Zeit investiert werden!

    Bevor ich mich hinsetze, und beginne, das zu tun, was ich immer schon getan habe, sollte ich mir also lieber überlegen: Was soll am Ende herausschauen? Was muss ich erklären, benennen, umschreiben, argumentieren, anwenden, rechnen können?

    Meinen Schülern predige ich das Mantra «Nie lernen ohne Plan!» So lange, bis sie es selbst erfahren haben und wissen: Stundenlanges «Abhängen mit Büchern» bringt nichts. Besser, ich gehe planvoll vor. (Wie eine vernünftige Prüfungsplanung aussieht, habe ich bereits ausführlich beschrieben in meinem Artikel «Zur guten Prüfungsvorbereitung in fünf Schritten». Dort kann auch ein Muster-Lernplan heruntergeladen werden).

    Schritt 3: Üben

     Wenn diese Vorgehensweise zu guten Ergebnissen führt - und das tut sie meiner Erfahrung nach fast immer - dann geht es darum, sie zu trainiren. Es dauert Tage oder sogar Wochen, bis eine stabile neue Gewohnheit entwickelt und fest im Alltag integriert ist. Dafür müssen wir sie über einen längeren Zeitraum (zwei bis drei Wochen) üben. So lange, bis sie sich ganz «natürlich» anfühlen.

    Dann sind wir sicher, dass wir in hektischeren Zeiten nicht einfach wieder zum schlechten, alten «Fast Food» greifen.