• Belohnen fürs Lernen? Ja, aber...

    «Soll ich mein Kind fürs Lernen belohnen?» In meinen Referaten wir diese Frage fast immer gestellt. Auch im Coaching ist sie wichtig - da taucht sie aber meist in einer etwas anderen Form auf. Bei Jugendlichen und Erwachsenen geht es ja nicht so sehr um «was bekomme ich?» sondern: «kann ich mich selber wertschätzen und loben für das, was ich leiste?» Gerade fürs Lernen ist die Fähigkeit, sich selber zu belohnen, sehr wichtig. Wenn sie fehlt, wird die Arbeit meist sehr mühsam. Wie mühsam, das wurde mir neulich durch eine Klientin - ich nenne sie hier Rebecca - sehr deutlich vor Augen geführt.

    Freudlose Höchstleistung

    Rebecca ist Anfang zwanzig, Studentin und arbeitet rund 50 Prozent im Stundenlohn in einer Versicherungsgesellschaft. Die vielseitig interessierte und begabte junge Frau engagiert sich neben Studium und Job in verschiedenen sozialen Projekten, organisiert Treffen und Veranstaltungen, berät jüngere Kolleginnen und Kollegen. «Nein» ist für sie keine Option. Oft lädt sie sich so zusätzliche Arbeiten auf, hilft in Teams aus - ist immer zur Stelle, wenn niemand sich freiwillig meldet. Rebecca versichert mir, dass sie «eigentlich» ihre langen und ausgefüllten Arbeitstage liebt, dass sie «eigentlich» wahnsinnig gerne so intensiv beschäftigt ist.

    Rebecca wirkt allerdings nicht wie eine junge Frau, die sich gerade voll entfaltet und in froher Beschäftigung aufblüht. Eher wie jemand, die täglich einen übermässig grossen Berg Pflichten abzutragen hat. Sie ist eigentlich immer müde und wirkt freudlos. Und tatsächlich, erzählt sie, falle sie immer wieder einmal ein paar Tage lang aus - wegen akuter Erschöpfung. Dann liegt sie ein Wochenende lang oder mehr auf dem Bett, schläft oder starrt an die Decke. In letzter Zeit schaffe sie es meist gerade noch knapp, ihre Arbeiten fürs Studium fertig zu stellen und abzugeben.

    Rebecca - sie ist in Osteuropa aufgewachsen - musste als Kind sehr hart arbeiten. Sobald sie mit der einen Hausarbeit fertig war, wurde sie zur nächsten geschickt, in den Stall oder aufs Feld hinaus. Auch in der Schule wurden Höchstleistungen erwartet. Und: «Das war alles selbstverständlich, nicht der Rede wert. Nur, wenn etwas nicht nach Wunsch erledigt wurde, dann gab’s Ärger.»

    Jeder braucht Anerkennung und Wertschätzung

    Entsprechend ist es für Rebecca heute selbstverständlich, dass ihre tägliche «To-Do-Liste» sehr umfangreich ist. Wenn jemand ihre Leistungen kommentiert oder ihr für eine Hilfeleistung dankt, tut sie das achselzuckend ab: «Ist doch selbstverständlich.»

    «Wie muss eine Leistung eigentlich geartet sein, damit Sie sich selbst dafür Lob zugestehen können?» frage ich sie. Rebecca denkt lange nach und antwortet dann: «Das muss schon eine aussergewöhnliche Sache sein, beispielsweise eine Diplomarbeit.»

    Solche «aussergewöhnlichen Sachen» passieren in Rebeccas Leben allerdings bloss alle paar Jahre. In der Zwischenzeit lebt sie dahin, ohne jede Wertschätzung, ohne auch nur einen Hauch von Anerkennung. Sie hastet von Pflicht zu Pflicht. Kaum erstaunlich, weiss sie kaum noch, was sie ausser Arbeiten machen könnte. Freizeit? Was ist das? Selbst ihre Yoga-Übungen, die sie früher einmal gerne machte und die ihr gut tun, bricht sie immer öfter nach wenigen Minuten ab, weil sie «Besseres zu tun hat».

    Wir sind keine Maschinen

    An Rebeccas Beispiel wird deutlich, wie wichtig es ist, uns selbst Wertschätzung zukommen zu lassen: Kurz Pause einlegen und uns freuen über das, was da gerade zustande gekommen ist.

    Im Coaching entscheidet sich Rebecca schliesslich dafür, jedesmal, wenn sie etwas auf ihrer langen Aufgabenliste abhakt, kurz innezuhalten. Weil ihr dies schwer fällt - sie spürt den Druck, sich sofort an die nächste Aufgabe zu machen - beschliesst sie, jedes Mal einen kleinen Smiley hinter den erledigten Punkt auf der Liste zu zeichnen. Erst erscheint ihr dies kindisch, doch bereits nach einer Woche entwickelt sie Spass daran, und nicht lange danach ist sie sogar in der Lage, den ungeheuerlichen Satz auszusprechen: «Gut gemacht, Rebecca.» In den endlosen Strom von Pflichten stehlen sich immer mehr Augenblicke der Freude, des Stolzes, der Befriedigung.

    (Für Rebecca ist dies ein erster Schritt. Merkt sie erst einmal, dass nicht alles, was sie leistet, selbstverständlich oder «normal» ist, wird es ihr auch gelingen, öfter «Nein» zu sagen.)

    Belohnungen klug wählen

    Zurück zur Eingangsfrage: Sollen Eltern ihre Kinder fürs Lernen belohnen? Ich rate zur Vorsicht.

    • Erstens, weil sie ja damit den Eindruck vermitteln, dass Lernen etwas Schlimmes ist, wofür es Trost und Belohnung braucht.
    • Zweitens, weil die  die ausstehende Belohnung auch dazu führen kann, die Arbeit möglichst rasch hinter sich zu bringen - beim Lernen, wo es manchmal gerade darum geht, langsamer und sorgfältiger zu werden, ist dies keine gute Entwicklung!
    • Drittens, weil Belohnungen für eigentlich Selbstverständliches meist eine Kettenreaktion auslösen: die Kinder erwarten dann bald für jede noch so kleine Handreichung eine Belohnung. («Tim, räumst Du bitte den Geschirrspüler aus?» - «Und was bekomme ich dafür?»)

    Stattdessen können wir Kindern unsere Anerkennung und Wertschätzung schenken. Wir können ihre Arbeit würdigen, uns daran freuen, dass sie durchgehalten haben, dass sie sich durch Schwierigkeiten durchgebissen haben, dass sie sich von ihrer Unlust nicht davon abbringen liessen, sie zu Ende zu führen.

    Manchen Eltern und Kindern macht es Spass, sich einen «High-Five» zu geben. Andere richten eine «Wall of Fame» (Wand der Ehre) ein - einen Ort, wo sich die bunten Post-it-Zettelchen mit Smilies sammeln - ein fröhliches und motivierendes Zeugnis für Geleistetes. Vor kurzem erzählte mir eine Jugendliche, auf ihrem Schreibtisch stehe ein Konservenglas, das sie mit Bohnen fülle: für jede geleistete Hausarbeit eine kleine Bohne - und sie freue sich daran, wie sich das Glas langsam fülle. Oder wie wär's mit ein paar Orden für kleine Erfolge? (In meinem Blogartikel «Wertschätzung ohne Wenn und Aber» finden Sie eine Vorlage für Orden zum Herunterladen.)

    Ausnahme: Sonderleistung

    Für eine Sonderleistung würde ich unter Umständen eine Sonder-Belohnung aussprechen. Wer über längere Zeit an einem bestimmten Projekt arbeitet, ein bestimmtes Ziel beharrlich verfolgt und täglich kleine Sonderleistungen dafür erbringt, verdient meiner Ansicht nach auch eine besondere Belohnung. Diese kann, muss aber nicht, materieller Natur sein. Wir Erwachsenen können uns eine Auszeit gönnen, eine kleine luxuriöse Freizeit, etwas, was nicht alltäglich ist. Auch bei Kindern würde ich erst die immaterielle Belohnung wählen, beispielsweise zusätzliche gemeinsame Zeit, einen Hallenbad-Besuch etwa, die lange geplante Radtour oder das Übernachten im Zelt.

    Idealfall: Zielerreichung ist Belohnung genug

    Im Idealfall sind jedoch auch Sonderbelohnungen gar nicht nötig. Manchmal ist die schönste Belohnung ja das Erreichen des Ziels - oder von Teilzielen - selbst. Einer meiner Schüler hat es kürzlich wunderschön ausgedrückt: Er ist ein sehr ruhiger, fast schüchterner Junge, der es sich zum Ziel gemacht hat, sich bis Ende des Semesters ein- oder zweimal in jeder Stunde zu melden. Für ihn ist das eine grosse Herausforderung. Als ich ihn frage, ob er zur zusätzlichen Motivation vielleicht eine besondere Belohnung braucht, sagt dieser Dreizehnjährige weise: «Das brauche ich nicht, denn wenn ich es schaffe, mich zweimal zu melden, dann bin ich den ganzen Tag glücklich und stolz.»

    Weiterführende Lektüre:

    Fühlen Sie sich angesprochen? Vermissen Sie Eigenlob und Wertschätzung in Ihrem Leben? Oder möchten Sie sich ihren Kindern zuliebe noch ein wenig in die Thematik vertiefen? Dann empfehle ich Ihnen gerne zwei Taschenbücher - eigentlich sind es eher kurze Selbstlern-Programme - zur Inspiration oder Anregung:

    Danke, gut genug von Gabi Ingrassia

    Selbstliebe macht stark von Stefanie Carla Schäfer