• 1001 Fragen beflügeln das Lernen

    «Interessante Farbe. Ob diese Beere wohl essbar ist?»
    «Was raschelt denn da so? Könnte es eine Schlange sein?»
    «Trägt mich dieser Ast?»

    Fragen stehen ganz am Anfang allen Lernens. Das war immer schon so. Die drei einleitenden Fragen zeigen dies ganz deutlich: Wichtige Fragen und korrekte Antworten darauf haben Menschen seit jeher entweder weiter- oder schlichtwegs umgebracht. Frage und Antwort. Versuch und Irrtum. Ein uraltes, bestens bewährtes Prinzip. Es überrascht deshalb kaum, dass die Selbstbefragung in Studien immer wieder Bestnoten erhält - sie scheint die effektivste Lernmethode zu sein.

    Deshalb bin ich immer wieder überrascht, wie viele Schüler und Schülerinnen kaum Fragen an ihre Lerninhalte stellen. Sie «lernen» einfach... oder besser gesagt: sie versuchen, die Informationen zu memorisieren. Nur: Kann man etwas lernen, zu dem man überhaupt keinen Bezug hat? Oder etwas, was einen nicht die Bohne interessiert? Bestimmt nicht. Wir können höchstens versuchen, uns die Information ins Hirn zu prügeln.

    Gute Fragen stellen

    Im Kern der guten Fragen, die zum Lernen führen, wird also immer die Antwort auf die Frage stehen: Was bringt mir das? Oder, weniger pragmatisch oder nutzenorientiert formuliert: Worum geht es überhaupt - und warum sollte ich mich damit befassen? Es geht hier nicht darum, prinzipiell alles in Frage zu stellen oder sich gegen den Lehrplan aufzulehnen. Sondern es geht darum, durch persönliche Fragen Bezüge zum eigenen Leben zu schaffen.

    Nehmen wir als Beispiel den Begriff der «Privatautonomie», der in der Rechtslehre eine Rolle spielt. Die Definition dafür, so wie sie in Lehrbüchern stehen könnte, lautet: «Pri­vat­au­to­no­mie heisst die Ge­stal­tung der pri­va­ten Le­bens­ver­hält­nis­se durch selbst­ge­wähl­te recht­li­che Bin­dun­gen des Ein­zel­nen nach sei­nem Wil­len in frei­er Selbst­be­stim­mung und Selbst­ver­ant­wor­tung.» So eine Definition ist recht sperrig - und es wäre langweilig und mühsam, sie wortwörtlich auswendig zu lernen (was aber erstaunlich viele Lernende versuchen!). Wie viel einfacher ist es, diesen Begriff mit Beispielen aus dem konkreten Leben zu verbinden: Privatautonomie bedeutet, dass Menschen durch Verträge ihr Leben selbständig gestalten dürfen - beispielsweise durch Ehe-, Arbeits- oder Mietverträge. Privatautonomie garantiert mir, dass ich mich mit anderen Menschen treffen und organisieren kann, beispielsweise in Vereinen. (Und so weiter.)

    W-Fragen zur Annäherung ans Thema

    Was ist eine gute Frage? Schwierig zu sagen, wenn man den Kontext nicht kennt. Aber wem zum Lernstoff gar nichts einfällt, kann getrost einmal mit den klassischen W-Fragen anfangen: Wer? Was? Wann? Wo? Warum? Wie? Womit? Wieviel? Welcher? Wie lange?

    Erstaunlich viel Stoff kann man so aufbereiten: Julius Cäsar (wer) hat im Jahr 49 v.Chr. (wann) den Fluss Rubicon überschritten (was und wo) mit seiner Armee (wie), um sich einer Anordnung des römischen Senats zu widersetzen (warum). (Der Senat hatte ihm befohlen, sein Heer zu entlassen und alleine nach Rom zurückzukehren.)

    Fast jeden Inhalt kann man auf einfache Frage-Antwort herunterbrechen. Die Kunst dabei ist es, die Fragen und Antworten so knapp und so eindeutig wie möglich zu formulieren:

    Wie viele Pilzarten gibt es auf der Welt? - 70'000 Arten.
    Welche Blattform haben die Blätter des Spitzwegerich? - Lanzettförmige.
    Machen Bären einen Winterschlaf? - Ja.

    Natürlich helfen solche Fragen nur, wenn ich den Kontext verstehe. Wenn ich nicht weiss, was Pilze sind, dann sind die obige Frage und Antwort für mich unverständlich. Habe ich mich aber mit dem Thema Pilze auseinandergesetzt, dann bilden die Frage «Wie viele Pilzarten gibt es auf der Welt» und die Antwort «70'000» eine wichtige Aussage - und diese kann ich durch mehrmaliges Widerholen nachhaltig in mein Gedächtnis packen.

    In ihrem sehr empfehlenswerten Buch «Lernpower» schreibt Verena Steiner:

    «Mithilfe von Fragen, die Sie sich zu Beginn stellen,

    - beleben Sie Ihren Geist und machen ihn neugierig,
    - gehen Sie aufmerksamer an die Inhalte heran,
    - sorgen Sie von Anfang an für den Aufbau von klaren Wissenstrukturen im Kopf.»

    Fragen-Brainstorming

    Gibt es einen Lernstoff, der Sie über die Massen langweilt? Oder ein Thema, das sich sperrt und Ihnen wie ein Buch mit sieben Siegeln vorkommt? Dann nehmen Sie sich doch einmal eine Viertelstunde Zeit und umzingeln es mit Fragen: Wie viele kluge, witzige, freche, interessante, tiefgründige, gründliche oder detailversessene Fragen? Noch besser: laden Sie Familienmitglieder, Freunde oder Lernpartner dazu ein - Sie werden vielleicht staunen, wie viele Fragen da zusammenkommen.

    Hier sind ein paar Fragen, die das Lernen interessanter machen können:

    - Was weiss ich bereits über dieses Thema (ein Cluster/Mindmap, das ich aus dem Kopf zeichne, kann mir bei der Übersicht helfen)?
    - Was erwarte ich zu erfahren? (Ich stelle eine Hypothese auf - und korrigiere sie eventuell, während ich lerne/lese).
    - Was ist das Allerwichtigste, was ich mir unbedingt über dieses Thema merken muss?
    - Wie würde ich das Thema einem Kind / meiner Grossmutter / einem Alien erklären?
    - Wie könnte ich das Thema in fünf Sätzen zusammenfassen?
    - Was will ich in einem Jahr noch wissen?
    - Was würde ich auf einen Spickzettel schreiben?