• «Das brauche ich doch sowieso nicht...!»

    «Wer braucht denn schon XY!» Fehlende Motivation für ein bestimmtes Fach wird oft auf diese Art und Weise ausgedrückt. Wenn die Denkfehler dahinter klar werden, kann die Lernmotivation wieder zurückkehren.

    Meistens sind es kluge, selbstbewusste junge Damen und Herren, die mir im Brustton der Überzeugung erklären, dass kein Mensch Latein, Physik, Biologie, Geschichte, Französisch, Zeichnen - oder eben: XY - braucht. Und dass die Beschäftigung mit XY also reine Zeitverschwendung ist. Und dass es eine unerträgliche Zumutung darstellt, solches überhaupt von ihnen zu verlangen.

    Etwas vorausgeschickt: Ich finde es legitim, die einen Fächer mehr zu mögen als die anderen. Ebenso, denke ich, ist es in Ordnung, wenn jemand nicht in allen Schulfächern gleich gut ist. Solange er oder sie ihre langfristigen Lern- oder Berufsziele erreicht.

    Doch gerade diese - die langfristigen Ziele - kommen mitunter arg unter Druck, wenn der Nutzen ganzer Fächer oder Studieninhalte pauschal in Frage gestellt wird. Dann nämlich, wenn der Zweifel dazu führt, dass in diesem Fach gar nichts mehr getan wird. Die wenigsten Lernenden können es sich erlauben, ein ganzes Fach einfach abzuschreiben und mit der schlechten Note zu leben.

    Vorsicht ist also angebracht, wenn zwei Dinge vermischt werden: (eventuell durchaus berechtigte) Systemkritik und (akute) Lernunlust.

    Woher kommt denn eigentlich die negative Haltung gegenüber XY? Es kann sich lohnen das herauszufinden - und sie danach zumindest in eine sachlichere, neutralere Haltung zu verwandeln! Ich gehe mit meinen Schülerinnen und Schülern jeweils in diesen drei Schritten vor:

    1. Was steht hinter der Haltung?

    «Fach XY ist schlimm/blöd/langweilig/überflüssig...» Wirklich? Betrachten wir das doch einmal objektiv:

    - Gibt es Berweise dafür, dass XY schlimm/blöd/überflüssig... ist?
    - Existieren Statistiken, die diese Meinung untermauern? Wie viele Menschen empfinden genau so über XY? Alle?
    - Kann mit Sicherheit gesagt werden, dass in einem (durchschnittlich ca. 75 Jahre dauernden) ganzen Leben XY niemals gebraucht werden wird? Weiss jemand heute, was er/sie in 30 Jahren tut?
    - Könnte es sein, dass das Lernen von XY einen Nutzen hat, der im Moment verborgen ist?

    - Würdest du genau so über dieses Fach denken, wenn du gute Noten hättest?
    - Hast du früher einmal anders über dieses Fach gedacht?
    - Gibt es einen Zusammenhang zwischen deinem Urteil über die Fächer (im allgemeinen und XY im besonderen) und der Note, die du darin erreichst?
    - Ist ein Zusammenhang erkennbar zwischen der Zeit, die du investierst und deinen Prüfungsergebnissen? Behandelst du XY gleich wie andere Fächer?

    2. Was bringt diese Haltung - kurzfristig und langfristig?

    Wenn wir etwas als «nutzlos», «überflüssig», «langweilig» oder «schlimm» beurteilen, erteilen wir uns als Lernende stillschweigend die Erlaubnis, es weniger zu beachten und zu pflegen als etwas, das als «interessant», «wichtig» oder «nützlich» bewertet wird. Wer würde schon Zeit investieren in etwas Nutzloses? Wenn ich also meine Zeit nicht mit dem nutzlosen XY verschwende, beweise ich nichts als Vernunft und Klugheit: «Ich bin doch nicht blöd!»

    Das ist eine wichtige Erkenntnis: Meine Haltung bringt mir kurzfristig Entspannung und Erleichterung. Sie erlaubt es mir, die Hausaufgaben/Arbeit/Prüfungsvorbereitung zur Seite zu schieben oder nur halbpatzig zu erledigen, denn: «Dieses Fach verdient es ja nicht besser.»

    Was ist aber die langfristige Konsequenz: Wenn ich mich nicht mehr um XY kümmere, laufe ich Gefahr, schlechte Noten zu bekommen.

    (Noch einmal zur Erinnerung: Das kann durchaus in Ordnung sein - niemand ist perfekt oder muss in allen Fächern brillieren. Die Frage ist einfach: Werden die langfristigen Ziele so erreicht oder sind sie gefährdet?)

    3. Wie kann die Haltung verändert werden?

    Wie wird aus einem «Hassfach» ein interessantes, spannendes Lernfeld? Nun, ganz ehrlich: die grosse Liebe entbrennt nicht immer und nicht für alles. Wer mit Physik hadert, wird nicht über Nacht ein Physik-Fan. Wer Französisch doof findet, verwandelt sich kaum in ein francophiles Wesen. Eine kleine Haltungsänderung kann aber immerhin so viel bewirken, dass im ungeliebten Fach XY zumindest das Nötigste getan wird: Hausaufgaben werden ordentlich erledigt, Inhalte regelmässig repetiert und die Prüfungen ordentlich vorbereitet. (Ich vergleiche das gerne mit dem Zähneputzen: Wer brennt schon darauf, es zu tun? Wir tun es aber trotzdem, weil wir den langfristigen Nutzen dieser Tätigkeit erkennen.)

    Mit meinen Schülerinnen und Schülern erörtete ich deshalb die Frage: «Wie kannst du XY für dich interessanter machen?» Oder: «Was brauchst du, damit du in XY immerhin genügend lernst, um deine Wunschnote zu erzielen?» Dafür gibt es verschiedene Wege - und wie so oft sind es die Umwege, die zum Ziel führen:

    - Bestehende Lücken schliessen. (Hier kann gezielte, zeitlich begrenzte Nachhilfe richtig sein.)

    - XY-Stunden gut vorbereiten (ein paar Seiten voraus lesen; Fragen vorbereiten; sich mit neuen Begriffen vertraut machen).

    - Mit einem Lernpartner lernen (gute Lernpartner motivieren sich gegenseitig).

    - Ein verbindliches Ziel formulieren (z.B. «im nächsten Zeugnis genügend in XY») und einen realistischen Plan erstellen, wie das Ziel erreicht werden könnte. Eventuell eine attraktive Belohnung dafür ansetzen.

    - Mit einem Wochen- oder Tagesplan arbeiten, dabei darauf achten, dass die Lernzeit eingeschränkt wird («5 x 10 Minuten bringen mehr und sind angenehmer als 1 x 50 Min.)

    - Täglich 10 oder 15 Minuten in XY investieren, bis Wunschnote erreicht wird.

    - Dafür sorgen, dass in XY positives Feedback erreicht wird. Zum Beispiel: Täglich 10 Minuten lang einfache Übungen in XY lösen, damit das Gefühl entsteht: «Wenn ich übe, kann ich XY!» 

    - Sich eine Zeitlang (z.B. eine Woche) mit XY befassen: Dokumentarfilme zum Thema schauen, Sachbücher oder Magazine durchblättern, Youtube-Erklärfilme suchen, mit jemandem sprechen, der/die XY-Liebhaber/in ist...

    Letztlich ist es mit Hassfächern wie mit Menschen: Je mehr Zeit wir mit ihnen verbringen und je mehr wir uns bemühen, sie zu verstehen, desto grösser ist die Chance, dass wir sie zu mögen beginnen. Oder sie zumindest respektieren.

    PS: Ich finde es richtig und wichtig, dass Lernende ihren Lernstoff und die schulischen Rahmenbedingungen hinterfragen. Nicht alle Fächer sind über alle Zweifel erhaben und das System Schule ist durchaus verbesserungswürdig. Auch ist es wichtig, die eigenen schulischen oder beruflichen Ziele ab und zu zu überprüfen. Aber wenn gerade eine grössere Prüfung in XY ansteht, ist kaum der richtige Moment dafür, das System verändern zu wollen. Dann verstecken sich hinter dem Protest «so ein blödes Fach» viele eher Unlust oder Schwierigkeiten mit diesem spezifischen Fach.