• Guter Wörter, schlechte Wörter - und ein Zauberspruch

  • Wörter wirken.

    Ich erfahre es täglich: Die Wörter, die wir wählen, wirken ganz direkt auf unsere Haltung, unsere Einstellung, unser Denken – und nicht selten sogar auf unser Körpergefühl. Dazu ein Beispiel aus meiner Praxis:

    «Musst Du – oder willst Du?»

    Ein 14-jähriger Schüler hat grosse Mühe, sich am Unterricht mündlich zu beteiligen. Sein Wunsch, freier und unbeschwerter vor anderen zu sprechen, ist sehr gross. Wir analysieren unter anderem, wie er sich bisher selbst motiviert hat, aufzustrecken. Er versuchte es so: «Ich muss jetzt da durch!»

    Ich bitte ihn, seine Aufforderung an sich selbst einmal anders zu formulieren: «Ich will da durch» oder «ich möchte jetzt gerne da durch» oder «ich werde es jetzt tun». Natürlich kommt ihm die Übung ein wenig seltsam vor – wo ist der Unterschied? Doch es ist eindrücklich, wie deutlich er selbst die Veränderung spürt – selbst in seiner körperlichen Haltung – je nachdem, welche Version er benutzt. Er entscheidet sich am Ende für «ich will es tun!» und strahlt dabei übers ganze Gesicht.

    (Natürlich ist es damit nicht getan – und er wird weiter üben müssen, bis sich seine Schüchternheit legt. Aber ein wichtier erster Schritt ist gelungen.)

    Eine sorgfältige Wahl der Wörter verbessert unsere Kommunikation

    Unsere Beziehungen werden sehr stark von Kommunikation geprägt – und doch legen wir nur selten genug Aufmerksamkeit auf unsere Wortwahl. Es gibt Wörter und Ausdrücke, mit denen wir augenblicklich einen weiteren Austausch oder eine Weiterentwicklung erschweren. Niemand hört gerne «ich hab’s doch gesagt» oder «aus Dir wird nie etwas, wenn Du so weitermachst». Wie viel schöner klingt da: «Toll – wie hast Du das geschafft?» oder «Du schaffst das, wenn Du beharrlich bleibst.» Wenn wir uns selber (!) und andere sorgsam ansprechen, lassen wir Raum für Entwicklung.

    Meine Liste der bösen und guten Wörter:

    • aber – und
      «Aber» baut Fronten auf oder baut ab, was im ersten Teil des Satzes gesagt wird: «Du sagst XY – aber… (ich weiss es besser)!» – «Du hast es gut gemacht, aber… (noch bist Du nicht perfekt).» Niemand wird Schaden nehmen, wenn wir «aber» ersatzlos aus dem Wortschatz streichen. Eine echte Bereicherung dagegen ist das Wörtlein «und»:  «Du sagst XY – und … (ich hätte da noch eine Ergänzung…)» – «Du hast es gut gemacht, und… (ich wünsche Dir, dass Dir dies immer öfter gelingt).»
    • müssen – wollen
      Was müssen wir eigentlich? Wirklich? Nur eines: sterben. (Ok, zwei: Steuern zahlen auch noch). «Ich muss (halt)…» sagen wir oft (begleitet von einem Schulterzucken), wenn wir etwas tun, was wir eigentlich lieber nicht täten. Irgendetwas treibt uns dazu…. Wer «ich muss» durch «ich will» ersetzt, setzt sich in den Fahrersitz und übernimmt das Steuer. Wer «ich muss» nicht durch «ich will» ersetzen kann, sollte sich ernsthaft damit beschäftigen! Ich muss, will aber gar nicht?
    • immer / nie – jetzt / in Zukunft
      «Immer muss ich Dir alles hinterhertragen!» «Nie kommst Du pünktlich». Immer und nie stimmen fast immer nicht. Bei Übertreibung oder Verallgemeinerung ist der Blick meist in die Vergangenheit gerichtet – und zimmert daraus eine Zukunft. Besser ist es, in der Gegenwart zu bleiben: «Jetzt gerade bist Du ziemlich vergesslich…» Oder: «Im Moment bist Du nicht gerade pünktlich.» Und wenn ich aus meiner Beobachtung etwas für die Zukunft ableiten will, formuliere ich es als Wunsch: «Ich wünsche mir, dass Du in Zukunft unsere Treffen ernst nimmst.» Wünschen darf man immer. Und der andere hat die Wahl, darauf einzugehen oder nicht.
    • gestresst  – erfüllt
      «Ich bin so was von gestresst…!» Gestresst-Sein scheint eine Art Statussymbol zu sein. Wer traut sich schon, zu sagen: «Ich bin total entspannt!» Seine Arbeit tun und dabei nicht gehetzt sein? Unmöglich? Schade. Wie wär’s damit: «Ich bin gerade sehr erfüllt von dem, was ich tue.» Bereichert, ausgefüllt, inspiriert, zufrieden – so durchs Leben gehen wäre voll cool, oder? Versuchen wir’s doch einfach mal und schaffen das «Gestresst-Sein» ab.

    Dieser Zauberspruch motiviert: «Noch nicht!»

    Manchmal meisseln wir momentane Zustände mit unseren Worten in Stein: «Ich kann nicht rechnen.» Oder: «Ich kann Statistik einfach nicht verstehen.» Durch solche Sätze lassen wir – unabsichtlich – ein Gefühl von Ewigkeit und Unabänderlichkeit entstehen. Die Zauberkombination «noch nicht» dagegen vermittelt den Eindruck, etwas sei erreichbar. Das Gehirn registriert durchaus den subtilen Unterschied zwischen etwas Unveränderbarem und etwas, was in unserer Reichweite liegt. Zuversicht macht sich breit.

    Wer etwas Neues lernt oder lernen will, wer eine Veränderung anstrebt oder häufige Rückschläge überwinden muss – der findet einen Freund im Ausdruck «noch nicht». Sagen Sie ihn oft – sich selbst und anderen! Er ist ein erfrischendes verbales Geschenk und entwickelt seine Wirkung am besten, wenn er von Schweigen und einem aufmunternden Lächeln begleitet ist.

    «Ich habe einfach keine Geduld mit mir.» – «…. Noch nicht!!!»

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