• Lernen? Nicht lernen? Lernen? Nicht...?

    Ich weiss aus Erfahrung: Sportliche Betätigung tut mir gut, im Wald kann ich mich wunderbar entspannen und wenn ich nach Hause komme, bin ich total gut drauf. Mache ich abends keinen Spaziergang, bin ich dagegen meist schlapp, für nichts zu gebrauchen - und sehr oft reut es mich hinterher, dass ich nicht in den Wald gegangen bin.

    Meine Klienten berichten mir sehr oft von ähnlichen Problemen im Zusammenhang mit dem Lernen. Sie wollen lernen. Wenn sie mal angefangen haben, macht es nicht selten sogar Spass. Wenn sie gut gelernt haben, sind sie danach stolz und zufrieden. Und sie fragen sich: "Warum mache ist es nicht einfach?"

    Warum tun wir nicht einfach, was uns gut tut?

    Manchmal stellt uns die Müdigkeit ein Bein. In dem Moment, wo die Entscheidung für oder gegen die geplante Handlung ansteht, sind wir vielleicht gerade müde - und merken es gar nicht. Nach einem langen Arbeitstag ist das bei mir der Fall. Und viele Schüler sind müde, wenn sie nach Hause kommen. Müdigkeit, aber auch Stress oder andere starke Emotionen machen es schwieriger, gute Entscheidungen zu fällen. Entscheidungen brauchen Energie, doch die fehlt uns ja gerade. In diesen Situationen drängen sich die leichtesten, vertrauten Lösungen geradezu auf - eben genau weil sie uns keine Energie abfordern. Der Autopilot übernimmt einfach - und der sagt meist: "Jetzt bloss nichts Anstrengendes!"       

    Zermürbende Anfangsschwierigkeiten

    Nur überlassen wir dem Autopiloten ja auch nicht ganz kampflos das Feld. Wir sitzen dann auf dem Sofa und überlegen hin und her: "Wald oder nicht Wald...?" Oder eben auch: "Lernen oder nicht lernen?" Die meisten, mit denen ich über diese Problematik spreche, bestätigen mir, dass diese Abwägephase oft sehr zermürbend ist. Auch ich erlebe sie meist anstrengender als den Abendspaziergang selbst!

    Die magische Minute

    Vor einiger Zeit habe ich im (übrigens sehr empfehlenswerten) Buch "Lernpower" von Verena Steiner eine Methode entdeckt, die mir in dieser Situation seither elegant über die qualvolle Entscheidungsunfähigkeit hinweghilft: die "magische Minute". Sie geht so:

    • Ich formuliere mein Ziel, beispielsweise "Abendsport" oder "Spanischvoci". In der Regel ist es etwas (vermeintlich) Unangenehmes, was wir vor uns herschieben, selten etwas Angenehmes! - Also in meinem Fall: mich aufraffen zur sportlichen Betätigung).

    • Ich bestimme die exakte Zeit - auf die Minute genau! - wann ich damit anfangen will.

    • Ich konzentriere mich ab diesem Moment lediglich darauf, genau zur bestimmten "magischen" Minute anzufangen.

    Meistens fällt es mir so viel leichter, die Sportsachen anzuziehen und genau zum geplanten Zeitpunkt loszulaufen. Warum? Weil mit dem Setzen der magischen Minute die Entscheidungsphase einfach übersprungen wurde. Ich tue es - daran zweifle und studiere ich nicht mehr herum. Es gibt keine Wahl mehr. Ich kann meine Energie jetzt ganz darauf fokussieren, genau zur bestimmten Zeit anzufangen - sie verpufft nicht mehr im stundenlangen Hin- und Her-Überlegen. Die innere Zerrissenheit hat ein Ende.

    Schülern empfehle, ihre "magische Minute" auf den Zeitpunkt zu legen, wo sie sich erholt haben. Pause muss schliesslich sein nach einem langen Arbeits- oder Schultag! Ist die "magische Minute" mal gesetzt, dürfen sie dafür sorglos herumtrödeln, lesen oder was auch immer ihnen gut tut. Bis der Wecker oder der Timer klingelt, den sie sich vorsichtshalber gesetzt haben.

    Unter diesen Voraussetzungen funktioniert die "magische Minute":

    • Ich sollte wissen, was ich tue (sind die Aufgaben klar? Wenn nicht, mit der Planung beginnen.)

    • Ich lass nicht mit mir handeln (die magische Minute ist gesetzt - daran wird nicht mehr gerüttelt. Wenn doch, verliere ich Gesicht, Ehre und Glaubwürdigkeit. Oder ich ziehe mir Punkte von meiner Heldenpunkte-Liste ab - siehe nächster Punkt.)

    • Ich belohne mich, wenn ich die "magische Minute" eingehalten habe (mit einem Heldenpunkt auf einer Veränderungsliste, die ich irgendwo sichtbar aufhänge. Oder ich klopfe mir mindestens eine Minute lang innerlich auf die Schulter. Klingt blöd? Zugegeben, das ist gewöhnungsbedürftig. Doch es ist wichtig, die geleistete Arbeit mit einem guten Gefühl zu verknüpfen. Dann scheut unser Unbewusstes weniger vor der fürchterlichen Qual zurück, die da vor uns liegt.)

    Vorteile der "magischen Minute"

    Wir fangen leichter an, als wenn wir uns durch eine lange, schleppende Abwägephase gearbeitet haben. Die Zeit, bis wir anfangen, ist frei von Grübeleien, von quälenden "Soll-ich-oder-soll-ich-nicht"-Gedanken. Gleichzeitig wird das In-Schwung-Kommen trainiert. Wenn wir es häufiger schaffen, einfach anzufangen, wird die Abwägephase mit der Zeit kürzer.

    Wagen Sie das Experiment!

    Sind Sie inspiriert? Haben Sie sich vorgenommen, die "magische Minute" einmal auszuprobieren? Achtung: das genügt nicht. Einmal ist keinmal! Machen Sie lieber ein Experiment daraus und nehmen sich vor, eine Woche lang täglich zur "magischen Minute" anzufangen. Beobachten Sie, was sich für Sie verändert. Am besten nehmen Sie dafür 7 Blätter und ziehen am oberen Rand je drei Linien.

    • Erste Zeile: Datum
    • Zweite Zeile: Das nehme ich mir vor: (zum Beispiel "täglich zehn Minuten Spanischwörter")
    • Dritte Zeile: das ist meine magische Minute (zum Beispiel: 19.00 Uhr).

    Die untere Hälfte des Blattes soll leer bleiben, damit Sie sie für Beobachtungen nutzen können:

    • Wie lang war die Entscheidungsphase heute, wie heftig?
    • Ist es mir leicht gefallen, anzufangen?
    • Leichter oder schwerer als gestern?
    • Habe ich mit mir gehandelt?
    • Mit welcher Stimmung habe ich die Aufgabe ausgeführt?
    • Welches Gefühl hatte ich am Ende?

    Nicht wenige meiner Klienten - junge und ältere - lachen, wenn ich Ihnen die "magische Minute" vorstelle. Aber sie sind meistens auch fasziniert. Tatsächlich scheint es ja, als überlassen wir mit dieser Methode einer höheren Instanz, wann mit der Arbeit begonnen wird. Genau das ist vielleicht auch das Wirkungsvolle daran: Die Uhr, eine Glocke oder ein Weckerklingeln entscheidet, wann wir beginnen. Während wir ja ganz gerne mit uns selbst hadern, tun wir es bestimmt nicht mit einer Uhr. Wir tun es einfach. Wir fangen an.

  • 1 comment

    […] Endlose Entscheidungsschlaufen ohne Ergebnis «Fang jetzt an zu lernen!» – «Keine Lust.» – «Los, fang schon an!» – «Mag nicht.» Für solche Dialoge braucht man keine Gesprächspartner (wie Lehrer oder Eltern), das geht prima im eigenen Kopf. Ein Teil will – der andere geht sofort in den Widerstand, zum Trotz, überhaupt und jetzt erst recht nicht. Wir lassen uns nun mal nicht gerne herumkommandieren – nicht einmal von unserem «besseren» Selbst. Wer zu solchen endlosen  Entscheidungsschlaufen neigt, ist gut beraten, sie grossräumig zu umfahren. Dafür gibt es verschiedene Tricks: Routinen entwickeln (wie beispielsweise immer zur gleichen Zeit oder sofort nach dem Essen etc. anfangen); einen Wecker stellen und «ohne Murren» anfangen, wenn er klingelt; sich mit einem Lernpartner verabreden. Das Thema habe ich bereits vertieft – es kann hier nachgelesen werden: Anfangsschwierigkeiten überwinden […]

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